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Beobachten statt Bewerten: die Kraft des reinen Wahrnehmens

Versuch einmal etwas Kleines: Nimm einen Gegenstand in deiner Nähe und beschreibe ihn dir nur so, wie er ist. „Da ist eine Tasse. Sie ist weiß. Sie steht auf dem Tisch.“ Und dann beobachte, wie schnell dein Geist etwas hinzufügen möchte – „eine schöne Tasse“, „schon wieder ungespült“, „die sollte woanders stehen“.

Genau in dieser winzigen Lücke, zwischen dem reinen Wahrnehmen und der sofortigen Bewertung, liegt viel mehr, als es zunächst scheint.

Die „ist“-Übung

Ich arbeite im Coaching gern mit einer einfachen Übung, die ich hier die „ist“-Übung nenne. Sie besteht darin, etwas zu beschreiben und dabei bei dem zu bleiben, was tatsächlich da ist. „Ich sitze hier. Mein Atem geht. In meiner Brust ist eine Enge.“ So lange, bis das Wahrnehmen dem Bewerten für einen Moment vorausgeht.

Das klingt unspektakulär und ist überraschend kraftvoll. Denn die meisten unserer inneren Belastungen entstehen weniger aus dem, was ist, als aus dem, was wir unmittelbar darüber denken. Die Enge in der Brust ist eine Empfindung. „Ich darf keine Schwäche zeigen“ ist ein Urteil, das sich sofort darüberlegt. Wenn wir beides auseinanderhalten, entsteht Raum.

Was Krishnamurti damit meinte

Der Philosoph Jiddu Krishnamurti hat gesagt: „Die höchste Form menschlicher Intelligenz ist die Fähigkeit, zu beobachten, ohne zu bewerten.“ Dieser Satz wirkt zunächst wie eine kühle Denkübung und meint doch etwas zutiefst Befreiendes.

Solange wir eine Erfahrung sofort einordnen – gut oder schlecht, richtig oder falsch, erlaubt oder verboten –, reagieren wir auf unser Urteil über die Wirklichkeit. Wenn wir zuerst wahrnehmen, begegnen wir der Wirklichkeit selbst. Und die hält oft mehr Möglichkeiten bereit, als unser schnelles Urteil vermuten lässt.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion

Viktor Frankl hat diesen Gedanken in ein Bild gefasst, das mich seit Langem begleitet: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit und unsere Entwicklung.

Das reine Beobachten ist ein Weg, diesen Raum zu betreten. In dem Moment, in dem ich wahrnehme „da ist Ärger“, ohne ihm sofort zu folgen, bin ich schon nicht mehr ganz und gar der Ärger. Ich bin auch der, der ihn bemerkt. Diese kleine Verschiebung ist der Anfang von Wahlfreiheit.

Empfindung und Urteil unterscheiden

In der hypnosystemischen Arbeit von Gunther Schmidt spielt diese Unterscheidung eine wichtige Rolle. Unser Erleben besteht aus Anteilen, die wir bemerken können, statt mit ihnen verschmolzen zu bleiben. Wenn ich sagen kann „ein Teil von mir ist unsicher“, habe ich schon einen Schritt Abstand gewonnen – genug, um diesem Teil zuzuhören, statt von ihm gesteuert zu werden.

Diese Haltung verändert den Umgang mit sich selbst. Aus „Ich bin unsicher“ wird „Ich nehme gerade Unsicherheit wahr“. Aus einer Identität wird eine Beobachtung. Und was wir beobachten können, können wir auch gestalten.

Was sich dadurch verändert

Wer das reine Beobachten übt, gewinnt an mehreren Stellen: Gefühle werden weniger überwältigend, weil zwischen Empfindung und Reaktion ein Moment Luft entsteht. Selbstkritik verliert an Schärfe, weil sie als das erkennbar wird, was sie ist – ein Gedanke, kein Urteilsspruch. Und Entscheidungen werden klarer, weil sie aus der Wirklichkeit erwachsen und weniger aus der Angst vor ihr.

Zum Ausprobieren

Nimm dir in den nächsten Tagen ein paar Mal einen kurzen Moment und beschreibe dir deine Situation nur so, wie sie ist – die Umgebung, deinen Körper, deinen Atem, das Gefühl, das gerade da ist. Bleib bei dem, was du wahrnehmen kannst, und beobachte, wie viel Raum daraus entsteht.


Diesem Raum gemeinsam nachgehen

Wenn du diesem Raum gemeinsam nachgehen und ihn für deine Fragen nutzen möchtest, begleite ich dich gern dabei.

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