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Die Wunderfrage: Wie sich Lösungen zeigen

„Einmal angenommen, über Nacht geschähe ein Wunder, und das Problem, das dich so beschäftigt, wäre einfach gelöst – woran würdest du am nächsten Morgen bemerken, dass das Wunder geschehen ist?“

Diese Frage, oft „Wunderfrage“ genannt, klingt beim ersten Hören fast zu einfach. Und doch verändert sie etwas, sobald man sich wirklich auf sie einlässt. Sie öffnet eine Tür, hinter der plötzlich mehr Raum ist als erwartet.

Eine Frage aus der lösungsfokussierten Arbeit

Die Wunderfrage stammt aus der lösungsfokussierten Kurztherapie von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Ich habe sie am SySt-Institut in München kennengelernt und arbeite seither damit – im Coaching wie in der Begleitung von Teams. Ihre Idee ist so schlicht wie radikal: Statt lange in der Vergangenheit und in den Ursachen eines Problems zu graben, richtet sie den Blick auf eine Zukunft, in der das Problem bereits gelöst ist. Sie lädt dazu ein, diese Zukunft konkret werden zu lassen – in Bildern, in Handlungen, in kleinen, sichtbaren Zeichen des Morgens danach.

Das häufige Missverständnis

Oft wird die Wunderfrage als eine Art Ziel-Klärung verstanden: ein Trick, um schneller herauszufinden, was jemand erreichen möchte. Das greift zu kurz. Ihre eigentliche Kraft liegt in dem, was sie von uns verlangt: sich einem Wunder zu öffnen.

Und genau hier beginnt die tiefere Bewegung.

Sich einem Wunder öffnen

Was heißt das, sich einem Wunder zu öffnen? Es heißt, sich einem Lösungsraum zuzuwenden. Der Aufmerksamkeit eine andere Richtung geben. Weg von der endlosen Vermessung des Problems, hin zu dem, was möglich werden will.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schreibt: „Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.“ Die Lösung ist also keine weitere Tatsache, die ich finde, wenn ich nur gründlich genug analysiere. Sie liegt auf einer anderen Ebene. Wir konstruieren die Lösung nicht. Wir gestalten die Bedingungen, unter denen sie sich zeigen kann.

Die Bedingungen, unter denen sich Lösungen zeigen

Wenn die Lösung sich zeigt, statt gemacht zu werden, dann wird die entscheidende Frage: Welche Bedingungen laden sie ein? Vier davon begegnen mir immer wieder.

Verlangsamen und präsent werden. Lösungen zeigen sich selten im Tempo des Alltags. Sie brauchen einen Moment der Ruhe, in dem überhaupt etwas Neues auftauchen kann.

Dem Impliziten einen Körper geben. Vieles, worum es wirklich geht, spüren wir, bevor wir es in Worte fassen. Es lohnt sich, dort hinzuhören: Wo sitzt das Thema im Körper? Und wie fühlte es sich an, wenn es gelöst wäre?

Dem Problem mit Anerkennung begegnen. Was als Problem erscheint, trägt oft eine gute Absicht in sich. Es lohnt sich zu fragen: Wofür sorgt dieser Teil? Was möchte gesehen, bezeugt, integriert werden?

Der Welt als einem Gegenüber begegnen. Wenn ich der Welt begegne wie einem Gegenüber, das mir antworten kann, zu dem ich eine Beziehung aufbaue, die ich nicht kontrolliere, dann kann sich etwas zeigen, das ich allein nie hätte konstruieren können.

Denn das ist das Wesen eines Wunders: Es wird nicht gemacht. Es zeigt sich – denen, die sich ihm zuwenden, den Blick wenden und bereit sind, sich zu wundern.

Ein Moment aus der Praxis

Neulich war ich Gastgeber einer Aufstellung für einen Klienten. Dort wurde diese Bewegung körperlich sichtbar. Als ein jüngerer, schutzbedürftiger Anteil von ihm endlich gesehen und integriert war, sagte er auf einmal: „Ich kann so viel sehen. Ich wusste gar nicht, was es alles zu sehen gibt.“

Nichts an den Tatsachen hatte sich geändert. Und doch war die Welt eine andere geworden. In Wittgensteins Worten: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“

Auch für Führung und Teams

Diese Haltung reicht weit über das Einzelcoaching hinaus. Auch in der Arbeit mit Führungskräften und Teams gilt: Vertrauen, Motivation und Wandel lassen sich schwer verordnen – so wenig, wie sich ein Wunder erzwingen lässt. Was wir gestalten können, sind die Bedingungen, unter denen all das entstehen darf: indem wir uns zuwenden, den Blick weiten und dem Gegenüber als Subjekt begegnen.

Wie ich damit arbeite

Das ist ein Kern meines Verständnisses von Coaching und Beratung: Ich erzeuge keine Lösungen. Ich helfe meinen Klient:innen, sich einem Lösungsraum zu öffnen – und damit auch den Wundern, die sich dann zeigen dürfen und die niemand „machen“ kann.

Vielleicht magst du die Wunderfrage selbst einmal ausprobieren. Nimm dir einen ruhigen Moment und lass den Morgen nach dem Wunder wirklich vor dir entstehen.


Diesem Raum gemeinsam nachgehen

Wenn du magst, dass wir diesem Lösungsraum gemeinsam nachgehen und ihn für deine Fragen nutzen, begleite ich dich gern dabei.

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