„Gut genug“: Wie du dem Perfektionismus die Macht nimmst
Es gibt einen Anspruch, der sich lange wie eine Stärke anfühlt: in jeder Situation sofort das Richtige tun zu wollen. Er treibt an, er liefert Ergebnisse, er wird belohnt. Und irgendwann kostet er mehr Kraft, als er zurückgibt. Am Ende einer Woche bleibt dann eine Erschöpfung, die mit der eigentlichen Arbeitsmenge wenig zu tun hat.
Genau hier lohnt sich ein zweiter Blick auf zwei kleine, unscheinbare Worte: „gut genug“.
Warum „gut genug“ so schwer fällt
Für viele leistungsstarke Menschen klingt „gut genug“ zunächst nach Nachlässigkeit. Nach Aufgeben. Nach einem Kompromiss, den man sich nicht erlauben möchte. Dieser Reflex hat eine Geschichte: Oft haben wir früh gelernt, dass Anerkennung an Leistung geknüpft ist. Dass wir dann sicher sind, wenn wir keine Angriffsfläche bieten. Der Perfektionismus, der daraus wächst, war einmal eine kluge Schutzstrategie.
Diese gute Absicht verdient Anerkennung. Und zugleich fordert dieselbe Strategie im Erwachsenenleben einen hohen Preis: ständige Anspannung, das Gefühl, nie fertig zu sein, und eine leise Stimme, die immer noch mehr verlangt.
Ein Anspruch, der sich im Körper zeigt
Perfektionismus lebt selten nur im Kopf. Er zeigt sich im Körper – in hochgezogenen Schultern, in einem flachen Atem, in einer Unruhe, die sich erst dann meldet, wenn wir kurz innehalten. Diese somatischen Marker sind wertvoll, denn sie machen etwas spürbar, das dem Denken oft entgeht.
Im Coaching nutzen wir genau das. Wir spüren nach: Wo sitzt der Druck? Was passiert im Körper, wenn der Gedanke „das muss perfekt sein“ auftaucht? Und wie fühlt es sich an, wenn ein Satz wie „das ist gut genug“ wirklich stimmen darf? Diese Verlagerung vom Denken zum Spüren ist oft der Moment, in dem sich etwas löst.
„Gut genug“ als aktive Entscheidung
„Gut genug“ ist eine bewusste, wache Entscheidung: Ich erkenne, was eine Situation wirklich braucht, und gebe genau das. Das setzt eine feine Unterscheidung voraus – zwischen dem, was zählt, und dem, was nur meine Angst beruhigen soll.
Diese Haltung hat eine überraschende Wirkung. Wer „gut genug“ zulassen kann, entscheidet schneller, lässt bewusst Dinge liegen und gewinnt Energie für das, was wirklich wichtig ist. Aus einem Anspruch, der erschöpft, wird ein Maßstab, der trägt.
Auch eine Frage der Führung
Dieser Gedanke reicht weit in die Führung hinein. Matthias Varga von Kibéd fasst Führung unter anderem so: starke Entscheidungen unter schwierigen Bedingungen zu treffen und dabei Halt und Orientierung für andere zu geben – ohne den Anspruch zu erheben, es immer zu können.
Dieses „ohne den Anspruch, es immer zu können“ ist „gut genug“ auf der Ebene der Führung. Eine Führungskraft, die sich selbst Fehler zugesteht, schafft ein Klima, in dem auch das Team atmen kann. Eine Fehlerkultur beginnt bei der eigenen Erlaubnis, menschlich zu sein.
Der Weg dahin
Der Satz „das ist gut genug“ wirkt am stärksten, wenn er mehr wird als ein guter Vorsatz. Solange er nur gedacht ist, hält er dem nächsten stressigen Moment kaum stand. Wenn wir ihn im Körper verankern – mit einer Haltung, einem Atemzug, einem spürbaren Gefühl von Genügen –, dann steht er auch dann bereit, wenn der alte Druck sich wieder meldet.
Vielleicht magst du es selbst einmal ausprobieren. Denke an eine Aufgabe, bei der dein Anspruch besonders hoch ist. Und spüre nach, was sich verändert, wenn du innerlich sagst: „Das ist gut genug.“
Dem Weg tiefer nachgehen
Wenn du diesem Weg tiefer nachgehen möchtest – heraus aus dem Dauerdruck, hin zu einem Maßstab, der trägt –, begleite ich dich gern dabei.
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